Volkswagen hat den Golf GTI und eine ewig lange Lieferzeit

Als Volkswagen im Jahr 1976 den ersten Golf GTI der Öffentlichkeit vorstellt, glaubt kaum jemand an dessen Erfolg. Am wenigsten in Wolfsburg selbst, wo sie die Aktion besonders misstrauisch beobachten. Ja, gut, es gibt da einen gewissen Trend. Opel hat ein Jahr zuvor den Kadett GT/E (Link) präsentiert, der zumindest in den Medien für Furore sorgt und der mit 105-PS-Leistung direkt in die Herzen eines jungen Publikums fährt.

Aber der Opel ist gnadenlos veraltet, er hat Heckantrieb, einen längs eingebauten Motor und kann aus technischer Sicht dem modernen Golf nicht das Wasser reichen. Immerhin gäbe es da einen Mitbewerber, den man ernst nehmen müsste. Der Alfasud ist so modern wie der Golf, die Konzeptionen ähneln sich bis auf zwei Punkte. Denn die Italiener verzichten ohne Not auf die große, praktische Heckklappe. Und während der Golf im gemütlichen Wolfsburg zusammengebaut wird, tobt um den Alfa herum das Leben mit wilden Streiks (Link).

Der Golf GTI, einzigartig in seinem Marktsegment
Der Golf GTI, einzigartig in seinem Marktsegment

Volkswagen hat den Golf GTI und eine ewig lange Lieferzeit

Tatsächlich hat der Alfa die sportlichere DNA als der Golf, aber die Marke belässt es 1976 bei maximal 71 PS Leistung und schenkt damit im Nachhinein gesehen den Niedersachsen ein Marktsegment. Allerdings muss der Golf GTI intern einige Schwierigkeiten überwinden, bis er wirklich in die Ausstellungsräume der Händler fahren darf.

Er liegt leistungsmäßig vor dem Ford Escort RS 2000 (Link) und dem Opel GT/E – und ist im direkten Vergleich mit beiden eine Fahrzeuggeneration weiter. Der Golf GTI, dem die eigenen Leute nichts zutrauen, wird zum Überraschungshit. Der Volkswagen begründet die Klasse der schnellen Kompaktwagen, in 9 Sekunden sprintet er auf Tempo 100 und erreicht 182 km/h in der Spitze.

Sein Preis von 13.850 DM ist alles andere als ein Sonderangebot, zumal sich VW wie gewohnt so gut wie jedes Extra zusätzlich vergüten lässt. Die Kunden stört das nicht. Der GTI wird zum Mythos und das schwarze GTI Plastikschild am Kühlergrill zum meist nachgefragten Ersatzteil.

Die drei Buchstaben auf einer schmucklosen schwarzen Platte sind nur Eingeclipst, ein herzhafter Griff, schon hat man ein Souvenir und die Begeisterung für das Auto schlägt sich auch darin nieder, wie oft das Zeichen entwendet wird.

Werbung für den Golf GTI (1976)
Werbung für den Golf GTI (1976)

Der Erfolg bringt ein Problem, das man geschickt verwendet

Für Volkswagen bedeutet der Erfolg und das im Land grassierende Golf GTI Fieber ein Problem. Die Kunden möchten kaufen, der Hersteller kann nicht liefern. Im Mai 1976 meldet Wolfsburg in ganzseitigen Anzeigen den Jahrgang 1976 als ausverkauft. Man hat sich richtig verkalkuliert, und der Kunde muss nun geduldig sein. Wer im Mai bestellt, wird seinen GTi im Frühjahr 1977 erhalten. Im Klartext: Die Lieferzeit beträgt annähernd ein Jahr.

Volkswagen dreht damit das Problem der zu gering kalkulierten Nachfrage um. Wir sind so gut, dass unsere Autos so schnell verkauft werden, lautet die Nachricht. Das ist positives Marketing von seiner schönsten Seite.

Allerdings befindet sich VW selbst jetzt in einer komfortablen Situation. Wer einen Golf GTI möchte, der möchte einen Golf und keinen Ford oder Opel. Das Image strahlt in kürzester Zeit so intensiv, dass Köln und Rüsselsheim keine Chance bei ernsthaften VW-Interessenten haben.

So beginnt ein Mythos, der lange gut gepflegt wird und auf den man einst beim Hersteller selbst nicht hätte wetten wollen.

Wir haben die historische Anzeige koloriert und hochskaliert


Entdecke mehr von carstories

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Das könnte auch gefallen:

0 0 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

0 Comments
Oldest
Newest Most Voted
0
Was denkst Du? Hinterlasse einen Kommentar!x