Mit dem VW Polo GLS schlägt das Imperium zurück

Eigentlich hat man sich das am Mittellandkanal ziemlich einfach vorgestellt. Der Audi 50 bedient die anspruchsvollen Kleinwagenkäufer und alle anderen greifen zum VW Polo. Der ist bewusst schlicht gehalten, die Sparversion des Audi, aber es steht Volkswagen darauf. Und alle, denen der Renault R5 zu futuristisch ist und die keinen Peugeot 104 wünschen, greifen zum Polo mit dem Charme der Holzklasse.

Die Idee funktioniert kurzfristig, denn wir sind in Deutschland. Kunden, die in einem schlichten Käfer von Volkswagen aufwuchsen, sind auch mit einem ebenso einfachen Polo zufrieden. Doch dann kommt Ford mit dem Fiesta (Link) und bringt die Pläne der Wolfburger Vorstandsetage ins Wanken. Der Ford ist so modern, einladend und gleichzeitig praktisch wie der R5. Er ist klassenlos und wird sofort akzeptiert, und sein Design spricht die konservativen Kunden an, welche nie zum Renault (Link) gegriffen hätten.

Volkswagen Polo GLS (1976)
Volkswagen Polo GLS (1976)

Mit dem VW Polo GLS schlägt das Imperium zurück

Damit ist man am Mittellandkanal in der Bredouille. Der Polo hat Trommelbremsen, Diagonalreifen, keinerlei Annehmlichkeiten, die das Leben verbessern könnten, und selbst auf die Startautomatik hat man geglaubt, verzichten zu können. Das Dekor der Türen besteht im Innenraum aus einer schlichten Pappe, einfacher geht es kaum. Der Motor leistet 40 PS, aber der Polo ist kein Sonderangebot, denn es steht Volkswagen auf dem Blech geschrieben, und das kostet.

Das geht gut, solange es kein vergleichbares Angebot aus deutscher Produktion gibt. Dann kommt der Autohersteller aus Köln mit einer modernen Konstruktion.

Mit dem Fiesta gräbt Ford den Niedersachsen erfolgreich das Wasser ab, falls sie nicht sofort handeln. Die greifen mal wieder ins Konzernregal, denn der Polo ist eigentlich ein Audi 50, und bei Audi macht man auf bequem, erstrebenswert und zeitgemäß. Aus dem 50 GL wird so im Handumdrehen der VW Polo GLS. Das ist Badge-Engineering, wie es am einfachsten geht.

Mit dem 60-PS-Motor ist man wieder ganz vorn auf der Leistungspyramide und mit dem GLS Interieur zieht 1976 so etwas wie der kleine Luxus ein. Vielleicht ist es heute so, dass man über die Klebefolie lächelt, die eine Holzeinlage vorspiegeln soll. Aber das ist damals Standard, andere Hersteller mit größeren Fahrzeugen halten es ähnlich. Die Dekorfolie bekommt man auch im Fahrzeugzubehör als universell verwendbaren Bogen, den man sich individuell zuschneiden muss.

Unvoreingenommen betrachtet ist der Polo GLS ein Audi 50 GL
Unvoreingenommen betrachtet ist der Polo GLS ein Audi 50 GL

Mit dem Polo GLS hat man plötzlich zwei gleiche Fahrzeuge im Konzern

Mit Velours-Sitzen und farblich abgestimmten Einlagen in den Türen kommt eine gewisse Wohlfühlatmosphäre auf. Freilich ist das nackte Blech immer noch sehr großflächig vorhanden, doch das ist selbst beim hochgelobten Fiesta nicht anders. Mit dem Polo GLS schlägt das Imperium nicht nur zurück, sondern zieht gleich mit Ford, Peugeot und Renault.

Aber das Imperium der Niedersachsen bekommt auch ein zusätzliches Problem.

Da der Unterschied zum Audi 50 jetzt nicht mehr vorhanden ist und zwei mehr oder weniger gleiche Fahrzeuge mit unterschiedlichem Markenzeichen im Konzern angeboten werden, beschließt man, auf die Audi Variante zu verzichten. Die Stufenheckversion, die als kleine Limousine mit Audi-typischer C-Säule ebenfalls in Ingolstadt entwickelt wurde, kommt nur als Derby von VW zu den Vertragspartnern.

Auf ein geplantes Facelift wird verzichtet und im Sommer 1978 nimmt man den kleinen Audi zugunsten des Polo endgültig vom Markt.


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