Manchmal kann es aufschlussreich sein, einen Blick auf die historischen Marktbegleiter von Saab zu werfen. Die Schweden hatten das Saab 99 CombiCoupe. Lancia hatte auch eines. Aber der Lancia Beta HPE durfte nicht so genannt werden, der CombiCoupe Schriftzug hatte seinen Platz bereits an der C-Säule des Saab gefunden.
Doch Lancia Beta HPE (High Performance Estate) klang auch nicht schlecht.
Vielleicht. Für den angelsächsischen Raum. Aber in Deutschland?
Da hatten die Italiener, die immer mal wieder mit Saab zusammenarbeiten würden, einige Probleme, den Beta HPE zu erklären. Viele Jahre später wäre der Lancia vermutlich als der Urvater aller Lifestyle- und Sportkombis abgehoben. Außerdem wären Anglizismen akzeptiert und an der Tagesordnung gewesen. Aber ganz so weit waren 1977 der Markt und die Sprachkultur nicht.
Während Saab den griffigen Begriff CombiCoupe hatte, musste Lancia mit sehr vielen Worten beschreiben, was der Beta HPE eigentlich war.

Der Lancia Beta HPE, nicht nur Saab hat ein CombiCoupe
So weit auseinander, wie man vielleicht meint, waren die Marken Saab und Lancia in den 70er Jahren nicht. Als Schnittmenge kann das Bestreben um höchste Sicherheit bei den Fahrzeugen gelten. Während man das bei Saab als selbstverständlichen Teil der Marken DNA auch heute noch sieht, hebt sich bei Lancia vielleicht skeptisch die Augenbraue.
Lancia und sicher? Beim Lancia Thema ergab sich, im direkten Vergleich zum Saab 9000, ein düsteres Bild für die Italiener. Es war sogar so, dass unterschiedliche Auffassungen zur Fahrzeugsicherheit mit zum Ende des Tipo 4 Projekts mit Saab (Link), Lancia, Fiat (Link) und (verspätet) Alfa Romeo (Link) beitrugen und die Schweden ihr eigenes Sicherheitsmenü kochten.
Auch Lancia war einst ein Sicherheitspionier
Aber in den 70er Jahren war das noch ganz anders. Der Lancia Beta war (noch) Sicherheitspionier. Die Karosserie hatte einen integrierten Überrollbügel, der Beta verfügte über eine Sicherheitslenksäule. Die Frontscheibe bestand aus Sicherheitsglas, die Innenausstattung war geschäumt und es gab Rückleuchten an den Türen und besonders leistungsfähige Bremsen nach einem Lancia eigenen System.
Damit war der Beta ganz weit vorn, und musste den Vergleich zum Saab bezüglich Sicherheit nicht scheuen.

Wie erkläre ich das Kombicoupe?
In der Auto Motor Sport schaltete Lancia im Herbst 1977 eine Anzeige für den Beta HPE. Die schwarz-weiße Anzeige war, das ist ungewöhnlich, doppelseitig zum Umblättern. Vielleicht wollte Lancia so seine Andersartigkeit und besondere Stellung in der automobilen Welt herausstellen. Denn die Italiener sahen sich immer noch als Nobelmarke. Was sie nicht mehr waren, denn die große Zeit als Lancia Maßstäbe setzte, war vorbei.
Aber in der Erinnerung der Menschen war sie noch wach, und dass Lancia trotzdem darüber hinaus einige gute Jahre haben würde, ist eine andere Geschichte.
Auf der ersten Seite sieht man den Beta HPE, und Personen, denen Lancia fremd war, mussten erst die kleine Schrift vor einem gräulichen Hintergrund lesen und erfahren, dass es sich um dieses Modell und einen Lancia handelt.
Eine Zumutung, nach heutigen Maßstäben. Vielleicht aber auch gewollt, um mit einem attraktiven Fahrzeug Interesse zu wecken.

Der Lancia Beta HPE ist ein außergewöhnlich elegantes Fahrzeug
Falls der Interessent sich auf den Text eingelassen hatte, konnte er das Blatt wenden und zur zweiten Seite wechseln. Dort erklärte Lancia ziemlich wortreich und bemüht die Konzeption der Synthese aus Limousine, Coupé und Kombi. Das ist zu viel von allem auf engem Raum, der Kunde wird geflutet mit Informationen.
Und es ist schade, eigentlich, denn der Lancia Beta HPE war nicht nur ein ungewöhnlich elegantes Fahrzeug, sondern auch gut ausgestattet und progressiv. Fast schon rührend ist der Hinweis, dass die Anzeige zum Heraustrennen gedacht ist. Das ist charmant, aber eben nicht zu Ende gedacht. Denn eine Perforation, die das Heraustrennen erleichtern würde, fehlt im Heft.
Ein feines, humorvolles Detail am Rande ist das Kennzeichen des Lancia auf Seite 1 der Werbeanzeige. Statt Heilbronn, dem damaligen Sitz von Lancia in Deutschland, als Zulassungsort trägt der Beta HPE ein Stuttgarter Nummernschild, wie es Marktbegleiter Mercedes tut. Mit dem sich Lancia auf Augenhöhe wähnt.
Die Lancia Beta Familie war ungewöhnlich vielfältig. Es gab den Beta als Cabriolet (Spider), Coupé, Limousine (Trevi), Fließheck (Berlina) und mit dem Beta Monte Carlo sogar als (optischen) Sportwagen. Und eben das erklärungswürdige Kombicoupe.
Der Beitrag erschien im April 2023 erstmals auf dem SaabBlog Magazin (Link).
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