Lancia lieferte den Kunden immer technische Besonderheiten. Auch in der Fulvia Berlina, die vielleicht als der letzte echte Lancia vor dem Fiat Einstieg gelten darf. Generell betrachtet ist die kompakte Limousine wenig aufregend. Als sie 1963 in das Licht der Öffentlichkeit rollt, spottet die Presse über den Schuhkarton auf Rädern, denn Lancia zeigt das klassische 3-Box-Design.
Optisch ist die Fulvia Berlina tatsächlich wenig attraktiv, aber speziell unter der Motorhaube enttäuscht das Unternehmen seine Anhänger nicht. Hier befindet sich ein V4 Motor, der es in sich hat und der auch für einen anderen Hersteller interessant sein wird. Lancia konstruiert einen 1.091 ccm großen Vierzylinder in V-Form, dessen Zylinderwinkel mit nur 13 Grad extrem knapp ausfällt.
Der Vorteil: Obwohl es ein V-Motor ist, passen sämtliche Zylinder unter einen gemeinsamen Zylinderkopf.

Ist die Lancia Fulvia Berlina der letzte echte Lancia?
Wer vermutet, Lancia hätte es sich einfach gemacht und den V4 Motor aus dem Fulvia Vorgänger Appia übernommen, der irrt sich. Vermutlich wäre das der gängigste und logischste Weg gewesen. Der Appia V4 mit ähnlichen Leistungsdaten und einem Zylinderwinkel von schlanken 10 Grad hätte vermutlich in die Fulvia gepasst, Lancia hätte einigen Aufwand und knappes Geld gespart.
Doch das Lancia Denken, das Streben nach technisch besonderen Lösungen und der Wille, dem Kunden das Beste zu liefern, werden dem im Weg gestanden haben. Der V4 wurde anfangs mit nur 58 PS und Einfachvergaser angeboten. Die Leistung generierte sich über Drehzahlen, was natürlich zu beschaulichen Fahrleistungen der immerhin etwas mehr als 1000 kg schweren Limousine führte.
Im Laufe der Jahre wuchs die Zahl der verfügbaren Varianten, die Fulvia Berlina bot jetzt bis zu 87 PS und damit standesgemäße Fahrerlebnisse an.

Saab zeigt Interesse an dem Lancia Triebwerk
Der enge Zylinderwinkel und die daraus resultierende kompakte Bauart machten das Triebwerk auch für andere Marken interessant. Saab, auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Zweitakt Dilemma (Link), testete unter anderem Lancia Motoren im 96. Der Motor gefiel den Schweden. Vermutlich wäre er eine technisch bessere Wahl als der V4 von Ford Köln gewesen, für den letztlich die Entscheidung fiel.
Doch die Kommunikation zwischen beiden Marken soll schwierig gewesen sein, berichtet die Literatur, und dann kam 1969 Fiat und bei Lancia wurde alles anders.
Der letzte echte Lancia, denn der Nachfolger hat Fiat und Citroën Gene
Fiat rettet die Marke vor dem sicheren Untergang und wird umgehend tätig. Die Fulvia Berlina wird kurz nach der Übernahme gründlich zur Serie 2 überarbeitet, aber Fiat rührt das V4 Triebwerk nicht an. Als die beiden wichtigsten technischen Änderungen gelten das neue Bremssystem, das jetzt eine moderne Zweikreis-Bremsanlage ist. Als Zweites ersetzt ein aktuelles 5-Gang-Getriebe die bisherige 4‑Gang‑Variante. Die Fulvia Berlina, seit 1963 auf dem Markt, wird auch im Innenraum und am Kühlergrill gründlich modernisiert.
Doch ihre Produktionszeit ist begrenzt. Als Nachfolger reift der Lancia Beta (Link) in einer Citroën-Fiat-Lancia Kooperation vor sich hin. Die Produktion der Limousine endet bereits im Herbst 1972, für viele gilt sie und das wunderschöne Fulvia Coupé (Link) als letzte echte Lancia.
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Seit rund 15 Jahren habe ich eine Fulvia Berlina 1972. Die kleine Limousine ist ein sehr dankbarer Oldtimer, sehr zuverlässig und nicht zu kostspielig.