Der Lada 1200 war in der Bundesrepublik günstiger als ein VW Golf!

Man stelle sich vor: Sowjetische Panzer stehen kurz vor Fulda, der Ort trägt den Namen „Point Alpha“ und es besteht die Möglichkeit, dass die Verbände in kürzester Zeit nach Frankfurt am Main durchbrechen können. Das war die Realität in den 1970er Jahren, das Szenario wurde als wahrscheinlich bezeichnet, und dennoch ging man recht unbefangen mit Produkten aus der Sowjetunion um.

Die Abgeklärtheit von damals ist nur dadurch zu erklären, dass man sich an den Zustand gewöhnt hatte und die permanenten Aufgeregtheiten der Gegenwart auch nichts gebracht hätten. Aus dem Osten kommt der Lada 1200 in die alte Bundesrepublik und er übernimmt sofort die Rolle des Preisbrechers. Denn der Lada ist ein günstigeres Angebot als der kompakte VW Golf.

Doch da Deutschland zu diesem Zeitpunkt geteilt ist, spielt er auch eine gewisse Rolle in der merkwürdigen Parallelwelt dieser Zeit.

Der Lada 1200 (1976)
Der Lada 1200 (1976)

Der Lada 1200 war in der Bundesrepublik günstiger als ein VW Golf!

Generell gesehen basiert der Lada 1200 auf dem Fiat 124, die Sowjetunion baut ihn in Lizenz im modernen Toljatti Werk nach. Die Lizenzkosten werden mit Erdölexporten verrechnet, das Geschäft läuft für beide Seiten gut. Bis 1975 produziert Fiat den 124 in Italien und verkauft ihn auf dem deutschen Markt. Dann endet die Herstellung des Originals, der Weg für den Nachbau wird frei.

Für Lada ist das eine feine Situation. Der Fiat 124 ist noch auf den Straßen präsent und aus dem Osten rollt nun ein fast identisches Produkt zum Dumpingpreis heran. Natürlich hat man einiges an der Konstruktion geändert. Der Motor ist eine sowjetische Eigenentwicklung, die Karosserie hat verschiedene Modifikationen erhalten und das Fahrwerk ist den Straßenverhältnissen im Sowjetreich angepasst.

Der Lada 1200 ist einfacher als das italienische Original

Vieles ist einfacher und robuster gelöst als beim italienischen Original, hinten findet der Kunde Trommelbremsen statt Scheiben, aber interessiert das bei dem niedrigen Preis? Der Lada kostet weniger als der preisgünstigste Golf, er ist eine viertürige Limousine, und das Design und die Technik mögen angejahrt sein, aber als veraltet gilt er in der öffentlichen Wahrnehmung bisher nicht.

Die Sensation: Lada Werbung in der Bundesrepublik 1976
Die Sensation: Lada Werbung in der Bundesrepublik 1976

Die Testberichte fallen entsprechend mit einem positiven Grundton aus. Natürlich: Die Fachzeitschriften sehen einige Verbesserungsmöglichkeiten und die Schwächen der Verarbeitung sowie die teilweise fragilen Materialien. Aber zusammengefasst bietet der Lada 1200 viel Auto und dicken sowjetischen Stahl für relativ wenig der begehrten DM.

Das zählt und die deutsche Lada Importgesellschaft investiert großzügig in vierfarbige Printwerbung.

Der Lada und die deutsch-deutsche Parallelgesellschaft

Da Deutschland damals geteilt ist, ergibt sich so etwas wie eine bizarre Parallelgesellschaft. Im Westen ist der Lada 1200 billig. Er ist kaum begehrt und er wird nur von Personen gekauft, die ein wenig ein seltsames Nichtverhältnis zum Auto pflegen. Oder deren Nachbar zufällig eine Lada Werkstatt besitzt, und mit dem man ein gutes Verhältnis hat. Ein Image hat er nicht, er ist einfach ein billiges Transportmittel, und dass er aus der Sowjetunion kommt, deren Panzer am Fulda Gap (Link) stehen, wird mit bundesrepublikanischer Gelassenheit notiert.

Im Osten, in der DDR, ist selbstverständlich alles anders. Der Lada wird unter der nicht griffigen Bezeichnung WAS-21011 angeboten. Er ist kostspieliger als ein Wartburg 353 und die Meinungen über das Auto driften auseinander. Die offiziellen Testberichte der staatlich gelenkten Medien sind durchgehend lobend. Aber es sind auch viele, die lieber einen Wartburg als einen Lada möchten und die ihn in der Liste der Wünsche ganz weit unten einsortieren.

Auf diese oder jene Weise: Der Lada 1200, den es auch als praktischen Kombi gibt, ist eine robuste Konstruktion, der die lieblose Verarbeitung im Weg steht, die aber mit rudimentärer Pflege recht haltbar ist. Die Sowjetunion erwirtschaftet mit ihm benötigte Devisen und er spielt stets nur eine Nischenrolle in der alten Bundesrepublik.


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