Der Audi 100 (C2) und das Vermächtnis des Architekten

Als die Ingolstädter 1976 die neue Generation des Audi 100 (C2) präsentieren, haben sie alles richtig gemacht. Der Neue folgt mit großen Fensterflächen und einem hellen Innenraum den Erwartungen seiner Zeit. Er ist etwas größer als sein Vorgänger, und er beseitigt dessen größten Makel. War der Audi 100 C1 (Link) filigran und elegant, so kommt der Neue viel wuchtiger daher.

Das ist gewollt, der Eindruck eines schweren, repräsentativen Wagens soll entstehen, und Audi will optisch zu Mercedes und BMW aufschließen. Die Operation gelingt, der Audi macht eine gute Figur, auch wenn er auf der Waage immer noch ein Leichtgewicht bleibt. Intelligenter Leichtbau realisiert ein Leergewicht von 1065 Kilogramm, ein vergleichbarer Mercedes 200 schiebt 1390 Kilo über die Straße, ein BMW 518 1240.

Besonders bemerkenswert ist aber die Innenraumgestaltung, hier setzt Audi auf die Kompetenz eines Architekten.

Audi 100 (C2) - die Marke setzt auf die Kompetenz eines Architekten
Audi 100 (C2) – die Marke setzt auf die Kompetenz eines Architekten

Der Audi 100 (C2) und das Vermächtnis des Architekten

Es ist zu dieser Zeit nicht unüblich, auf die Expertise bekannter Architekten zu setzen. Lancia tut es beim Beta Trevi vor Audi und beauftragt Mario Bellini. Der hat sich einen großen Namen mit Gestaltungen für Olivetti, Brionvega, Lamy oder Rosenthal gemacht. Für den Beta Trevi entwirft er eine monumentale Skulptur von einem Armaturenbrett. Die ist besser als das Auto selbst, sagen Freunde. Sie sieht aus wie Schweizer Käse, erwidern seine Kritiker. Beeindruckend ist sie auf jeden Fall, auch wenn sie aus ergonomischer Sicht ein Desaster ist.

Für die Medien ist das Armaturenbrett ein Thema, der Beta Trevi wird kurzfristig bekannt, aber er wird kein Erfolg.

Für Audi tritt Professor Paolo Nestler an, ein in Deutschland lebender Italiener, den die Zeitschrift Auto-Motor-Sport kurzerhand als Paul Nestler vorstellt. Nestler hat vor allem in München seine Spuren hinterlassen, der Erweiterungsbau des Deutschen Museums, zahlreiche Geschäftshäuser und 12 U-Bahnhöfe tragen seine Handschrift. Er bringt in die deutschen Nachkriegsstädte einen Hauch von Freundlichkeit und Licht, und strebt dies auch bei Audi an.

Gedeckte Farben, keine Aggressivität
Gedeckte Farben, keine Aggressivität

Der Architekt gestaltete den Innenraum des Audi 100 (C2)

Der Audi 100 (C2) erhält ein Armaturenbrett und ein Innenraumkonzept in gedeckten Erdfarben, das sich in Konsequenz vom Lenkrad bis zu den Sicherheitsgurten zieht. Das matte Braun soll Aggressionen vermeiden, Nestler schreibt Audi auch freundliche Außenfarben vor und verbietet ein strahlendes Rot, welches wiederum Aggressionen nach sich ziehen könnte.

Audi und BMW setzen im Innenraum primär auf schwarze Töne, die als seriös gelten, manchmal auch auf auffällige Farbe, Audi bleibt gedeckt. Das Resümee der Auto-Motor Sport? Audi sei es einmal mehr nicht gelungen, ein Farbkonzept für alle Käufergruppen zu realisieren.

Generell aber werden dem Neuen viele Stärken und wenige Schwächen attestiert. Warum Audi den Warnblinkschalter schlecht erreichbar in einem Lenkstockhebel platziert, bleibt vielen ein Rätsel. Ebenso, warum die Limousine mit Hang in Richtung Oberklasse keine sichere Verbundglasscheibe hat, während der zeitgleich erscheinende Ford Fiesta Kleinwagen (Link) darüber verfügt.

Auch ist unklar, warum man auf Halogenlicht in der Serie verzichtet, sonst aber ein Auto mit überdurchschnittlichem Komfort baut. Dem Erfolg tut das keinen Abbruch, selbst das gedeckte Farbkonzept des Innenraums bremst den Audi 100 (C2) nicht ein. Bis 1982 werden 902.408 Fahrzeuge hergestellt, inklusive der Derivate wie Audi 200.

Das farbliche Innenraumkonzept in seiner Konsequenz und Detailverliebtheit macht den Audi heute zum Zeitzeugnis für Architektur Begeisterte. Für alle, die mit einem klassischen Audi auf den Spuren des leider fast vergessenen Architekten fahren wollen, gibt es seit 2024 ein Buch, das sich mit seinen Werken beschäftigt (Link).


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