Es ist schon erstaunlich. In den 1970er Jahren ist Renault ein Unternehmen, in dem komplett unterschiedliche Philosophien zu wohnen scheinen. Da ist der Renault R5, der so gnadenlos modern ist, dass es den Mitbewerbern wehtut. Er wird der Stachel im Fleisch anderer Marken, und als Ford den Fiesta präsentiert (Link), ist es eines der Ziele, den R5 zu schlagen.
Während der Kleinwagen als sehr modern gilt, zeigt das gleiche Unternehmen am anderen Ende der Produktpalette den konservativen R30 (Link). Ein Hersteller und zwei Fahrzeuge, die so wenig wie möglich gemeinsam haben. Wie konnte das geschehen? Der Renault 5 hat seine Ursprünge in den späten 1960er Jahren und im Lastenheft seiner geistigen Väter steht geschrieben, dass sie ein modernes, robustes und rationell zu fertigendes Fahrzeug konstruieren sollen.
Genau das erledigen sie auch, mit viel Bravour.

Der Renault R5 gilt als das Maß aller Dinge bei den Kleinwagen
1972 kommt der Renault R5 auf den Markt und man kann sein Erscheinen mit dem abgedroschenen Wort einer Revolution beschreiben. Das Äußere ist sachlich und jedem fallen die integrierten Stoßfänger aus neuartigem Kunststoff auf. Renault ist eine der ersten Marken, die auf diese neue Art der Stoßfänger setzt, die Innovation wird zu Beginn mit Skepsis beobachtet. Wie später bei Simca (Link) hat das Material am Anfang das Problem, dass es ausgeblichen aussieht, und nur mühsam bekommt man die Herausforderungen in den Griff.
Die Stoßfänger prägen die Karosserieform in einem entscheidenden Umfang mit, sie geben dem Kleinwagen das moderne Aussehen, und wie bei Saab (Link) sind sie selbstreparierend. Das aber ist nur die Optik, der R5 hat innere Werte, die entscheidend sind. Der leicht zu beladende Kofferraum, welcher über eine große Heckklappe zugänglich ist, fast bis zu 900 Liter an Fracht, und Renault lernt rasant, die Beliebtheit des R5 in Stückzahlen umzusetzen.
Von Anfang an hat das Modell die Sympathien der breiten Masse, der Mut, etwas völlig Neues zu wagen, zahlt sich aus. Der Kleinwagen gilt als klassenlos und man kann seine Akzeptanz an der Entwicklung der Leistung nachvollziehen. Zum Start weg gibt es 34 und 44 PS und nur 5 Jahre danach leistet das Spitzenmodell bereits 93. Der 1980 erscheinende Alpine Turbo setzt der Entwicklung mit 149 PS die Krone auf, er gewinnt die 1981 Rallye Monte Carlo (Link) und der Renault ist ein Auto, welches in jeder sozialen Schicht und Altersklasse als akzeptiert gilt.

Der Renault R5 ist von Anfang an eine Designikone
Zum guten Image trägt in Deutschland auch die sprichwörtliche Zuverlässigkeit bei. Die Ingenieure hatten während der Entwicklung den R4 (Link) im Blick, der kostengünstige Mobilität für jeden Geldbeutel möglich machte. Etwas vom R4 steckte auch in jedem Renault R5. Er bleibt jenseits der exotischen Hochleistungsversionen immer ein bezahlbares und zuverlässiges Auto für jedermann.
Für den Hersteller ist Nummer 5 ein Volltreffer. Ein Mythos, den man behutsam über viele Jahre pflegt und weiterentwickelt. Dass der Kleinwagen neben allen Stärken auch eine Designikone ist, begreift man schon früh. Man widersteht bis in den Sommer 1979 der Versuchung, der ersten Serie eine fünftürige Version zur Seite zu stellen. Erst dann wird man schwach und verwässert das Design. Die Stufenheckversion, die ein spanisches Unternehmen für den lokalen Markt baut, ist hingegen entschieden zu viel. Sie bleibt, wo sie ist, und macht nur spanische Kunden glücklich.
Das Tragik am Rande ist der junge Designer Michel Boué, der diese Ikone geschaffen hat. Er verstirbt, bevor sein Werk auf die Straße kommt und die Massen begeistern kann. Die Premiere des revolutionären Kleinwagens aus seiner Feder soll er aber noch miterlebt haben.
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