1975 lebt Volvo seinen Expansionsdrang aus. Die älteste schwedische Automarke übernimmt die angeschlagene Autosparte des niederländischen Produzenten DAF. Zuvor waren alle Gespräche mit anderen Investoren fehlgeschlagen, und Volvo kann nun die Produktpalette nach unten abrunden.
Der geplante (große) DAF 77 wird jetzt der neue kleine Volvo und kommt ein Jahr später als Volvo 343 auf den Markt. Damit treffen die beiden schwedischen Marken erstmals im Marktsegment der unteren Mittelklasse aufeinander. Saab ist mit der 99 Limousine der Aufstieg aus dem Kleinwagensegment gelungen. Volvo hält mit dem 343 dagegen, beide sind rund 4,30 Meter lang.
Zwei schwedische Automarken, aber vollkommen unterschiedliche Fahrzeugkonzepte. Der Volvo hat einiges, was der Saab nicht hat. Und umgekehrt.

Was hat der Volvo 343, was der Saab 99 nicht hat?
Der Volvo 343 ist 1976 nichts anderes als ein DAF 77, dem man einen neuen Namen und leichte Retuschen verpasst hat. Er ist nicht das, was sich die Volvo Kunden wünschen, wie die Verantwortlichen in Göteborg früh feststellen müssen. Die Qualität aller Innenraummaterialien erinnert an einen DAF Kleinwagen, es dauert etwas, bis die Schweden korrigierend eingreifen (Link).
Im Gegensatz zu Saab Limousine liefert die niederländische Volvo-Fabrik ein Fließheck, und man hat es wirklich schwer, den 343 als halbwegs akzeptables Schwedenauto anzupreisen. Da ist das für DAF typische stufenlose Variomatik-Getriebe. Volvo nennt es beschönigend eine stufenlose Vollautomatik, aber es nervt mit seiner Geräuschentwicklung und seinem spezifischen Fahrverhalten.
Die veralteten und technisch uninteressanten Motoren liefert Renault. 70 PS quälen sich durch die Variomatik, die etliche davon einbehält, und treffen danach auf ein für diese Zeit stattliches Fahrzeuggewicht von einer Tonne. Das Ergebnis ist in keinem Fall so etwas wie Fahrfreude.
Das relativ hohe Gewicht des Volvo 343 hat seinen Grund im Sicherheitsdenken der Schweden. Wie bei großen Volvos und bei Saab üblich gibt es einen Flankenschutz in den Türen, die Karosserie trägt eine Art von Sicherheitskäfig. Den Gedanken, die Variomatik aus dem 343 zu verbannen oder zumindest ein manuelles Getriebe als Option bereitzuhalten, ignoriert man für zwei volle Jahre. Erst im Herbst 1978 hat man ein Einsehen und liefert ein manuelles 4-Gang-Getriebe, welches sofort die Kundenakzeptanz erhöht.

Der Volvo 343 hat dem Saab mindestens die Variomatik voraus
Dass der 343 dem Saab gegenüber die Variomatik als Alleinstellungsmerkmal besitzt, zeichnet ihn daher nicht wirklich aus. Im Umkehrschluss kann der 99 bei den Kunden mit etwas anderem Punkte holen. Seine Stoßfänger sind selbstreparierend (Link), sie verkraften Zusammenstöße mit einer Geschwindigkeit bis 8 km/h, ohne nachhaltigen Schaden zu nehmen. Die Sandwich-Bauweise ist aufwendig, eine Saab-Innovation, die der kleine Volvo nicht hat.
Ihm fehlt auch die Sitzheizung, die Saab erfindet, das ergonomische Cockpit, mit dem die kleinere schwedische Marke der großen lange Zeit voraus ist, obwohl beide ihre Cockpitmodule zeitweise vom selben schwedischen Lieferanten beziehen. Das Zündschloss in der Mitte ist ebenso Saab spezifisch. Wer kleinlich sein möchte, darf ebenfalls erwähnen, dass Saab zusätzlich die Scheinwerferwaschanlage erfunden hat.
Der Volvo 343 ist ein Adoptivkind, das ist zu beachten
Um jedoch fair zu bleiben, ist aber auch Folgendes klar. Der Saab 99 ist zwar größenmäßig mit dem Volvo 343 zu vergleichen, bei Preis und Leistung und auch bei der Verarbeitung bewegt er sich auf einem anderen Niveau. Dieser Vergleich als solcher passt daher objektiv nicht.
Der 343 ist ein Adoptivkind von Volvo, mit dem man nicht nur am Anfang so seine Schwierigkeiten erlebt. Zwar sind die Schweden bei der Konstruktion des DAF 77 nicht unbeteiligt, aber wäre das Projekt von Anfang an völlig in Volvo Händen gewesen, hätte das Endprodukt komplett anders ausgesehen.
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