Volkswagen investiert in den Käfer und macht ihn fernreisefähig

Zum Modelljahr 1971 tut sich in Wolfsburg Bemerkenswertes. Der Käfer läuft in starker Form auf und Volkswagen feiert sich dafür frenetisch mit ganzseitigen Anzeigen. Was ist geschehen? Nüchtern betrachtet hatte man die Zeit seit 1946 dafür genutzt, dem Käfer endlich einen halbwegs praktikablen Kofferraum zu spendieren. Das dürfte damals eine Menge Käufer interessiert haben, die sich bisher in den Urlaubswochen mit zusätzlichen Dach- und Heckgepäckträgern hatten behelfen müssen.

Denn der Frontkofferraum war für jede Urlaubsfahrt eine Katastrophe. Nun aber gibt es bessere Zeiten, der Hersteller verlängert den Vorderwagen um 7 cm und spendiert gleichzeitig eine neue, platzsparende Vorderachskonstruktion. Die besteht aus zeitgemäßen McPherson-Federbeinen, Querlenker und Stabilsator und führt mit einer neuen Position für das Ersatzrad dazu, dass der Volkswagen fernreisefähig wird.

Der Volkswagen Käfer, Jahrgang 1971
Der Volkswagen Käfer, Jahrgang 1971

Volkswagen investiert in den Käfer und macht ihn fernreisefähig

Die Auswirkungen sind so, dass sie damals als dramatisch beschrieben wurden. Der neue, große Kofferraum fasst jetzt 260 Liter und damit laut Hersteller doppelt so viel wie zuvor. Nimmt man den Platz auf der Rücksitzbank und verzichtet auf mitreisende Kinder oder Schwiegermütter, sind es 400 Liter. Das ist objektiv betrachtet kein Spitzenwert. Aber in der Käferwelt eine ganze Menge.

Gleichzeitig spendieren die Niedersachsen ihrem Dauerbrenner mit dem Modelljahr 1971 mehr Pferdestärken. Der VW Käfer 1302 hat jetzt 40 PS, der 1302 S sogar 50, und er ist damit gut für eine Dauergeschwindigkeit von 130 km/h. In der Theorie, denn in der Praxis haben die leistungsstärkeren Motoren alle ein Problem mit der Kühlung des Auslassventils des dritten Zylinders. In der Folge gibt es erst einmal Motorschäden bei hoher Belastung. Der Ventilteller kann sich vom Schaft lösen und in den Zylinder fallen.

Das geschieht anfangs häufig. Im Sommer 1971 steuert Volkswagen gegen und verpasst der Motorhaube zur besseren Kühlung vier Luftschlitzgruppen. Echte Abhilfe bringt die Aktion nicht, erst mit einem separaten Kühlkanal wird das Ärgernis dauerhaft beseitigt.

Fast wie ein Sportwagen, die Anzeige aus dem Jahr 1971 lässt es vermuten
Fast wie ein Sportwagen, die Anzeige aus dem Jahr 1971 lässt es vermuten

Der Käfer ist jetzt fernreisefähig, aber die Zeit läuft gegen ihn

Volkswagen feiert sich dennoch, der Käfer ist unverändert der Liebling der Deutschen, und in doppelseitigen Anzeigen wird das Potenzial beschrieben. Der Käfer ist gut für viele Koffer, die er schleppen kann, es werden ihm Sportwagenanleihen unterstellt und mit 50 PS hat er jetzt richtig Kraft.

Im richtigen Leben ist das freilich nicht so. Sicher sind die vielen Verbesserungen willkommen, aber sie ändern nicht den grundlegenden Charakter des Käfers. Der ist robust, klassenlos, die Deutschen lieben ihn, weil er das Wirtschaftswunderauto ist und nach dem Krieg immer da war und das Land bei seinem Aufstieg begleitete. Die Tatsache, dass es längst moderne Angebote gibt (Link), wird von seinen Anhängern verdrängt.

Natürlich gibt es da die Zeichen an der Wand, die man auch in Wolfsburg sieht (Link) und die ganz konkret auf den Namen VW K70 hören. Aber es gibt im Konzern starke Beharrungskräfte, die an luftgekühlten Motoren, vorzugsweise in der Nähe der Hinterachse, festhalten wollen. Und so fährt der VW Käfer auch als 1302 und 1302 S weiter, und ein Ende der Straße ist nicht in Sicht.


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Olaf
Olaf
11 Monate zuvor

Interessanter Text! Mein Fokus lag immer auf den früheren Käfer Serien.
Der K70 (K für Kolben) war allerdings eine Entwicklung von NSU. Die hatten die Wolfsburger bei der Übernahme des Werks in Neckarsulm geerbt. Er sollte die Produktpalette unterhalb des NSU Ro80 (Ro – Rotary – Wankelmotor) komplettieren. Das Design des K70 war sehr modern und hebt sich stark von der heckmotorlastigen VW Palette ab.

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