Man muss sich die folgende Situation vorstellen: Im September 1977 präsentiert Saab auf der IAA in Frankfurt am Main der Welt den 99 Turbo. Der ist eine mittlere Sensation, und ein Wendepunkt in der Markengeschichte. Denn Saab wird in den nächsten Jahren mit dem Turbo in einem Satz genannt werden, und Saab ist für viele Kunden einfach nur Turbo.
Man kann davon ausgehen, dass die Saab Werbung im Herbst 1977 auf den Turbomodus umschaltet. Die Schweden blasen zum Angriff und die Kunden werden im nächsten Jahr den Händlern die vorbestellten Fahrzeuge aus den Händen reißen. So wird es sein. Oder etwa nicht?
Saab war schon immer anders, etwas eigen. Und manchmal war die schwedische Kultmarke auch nicht zu verstehen. Denn die Anzeige, die Saab Deutschland im Oktober 1977 schaltete, ist einfach merkwürdig.

Selbstbewusst statt selbstgefällig – Saab 99 Turbo
Vom Turbo ist in der Printwerbung keine Spur. War da was in Frankfurt am Main im September? Wurde der 99 Turbo auf der IAA vorgestellt? Es scheint so, als ob das niemals geschehen wäre, liest man die Anzeige im Heft 22 der Auto-Motor-Sport am 26. Oktober. Saab Deutschland präsentiert das 99 CombiCoupe im gewohnten, sachlichen Layout und in Schwarzweiß.
Die Anzeige ist nicht schlecht gemacht, im gewohnten Stil, der einen hohen Wiedererkennungswert garantiert. Der Saab 99, der Slogan – selbstbewusst statt selbstgefällig – und dazu etwas Text. Der ist erfreulich übersichtlich angeordnet und leicht zu lesen.
Aber der Saab 99 Turbo, die Weltneuheit? Fehlanzeige.
Ob das Selbstbewusstsein suggerieren sollte, statt Selbstgefälligkeit? Nur Eingeweihte, die Saab auf der Wunschliste haben oder bereits Kunden sind, erkennen die Veränderung. Den 99 gibt es jetzt in acht Versionen, mit 2, 4 oder auch 5 Türen und mit einem Leistungsspektrum von 100 bis 145 PS.
Dass die 145 PS vom Turbo kommen, das verschweigt man.
Stattdessen werden fast verschämt Vielfalt und Sicherheit, Komfort und Technik beschworen. Auch bei der Mappe, die in Nieder-Eschbach, dem Frankfurter Stadtteil, in dem Saab zu Hause ist, angefordert werden kann, ist vom Turbo keine Rede.

Warum verschweigt Saab den Turbo?
Warum verschwieg man bei Saab Deutschland den Turbo? Die Antwort kann nur spekulativ sein. Es mag sein, dass man Respekt vor der eigenen Courage hatte. 1977 lief erst einmal die Vorserie des 99 Turbo von den Bändern, der Markt in Nordamerika galt beim Beliefern als die Nummer 1, Europa stand hintenan.
Vielleicht hatte man die Probleme, die BMW mit dem 2002 Turbo 4 Jahre zuvor hatte, gesehen und wollte auf Nummer sicher gehen. BMW baute nur 1672 Exemplare, dann war erst einmal Schluss. Die produzierten Fahrzeuge hatten mit thermischen Problemen zu kämpfen, die Abgaskrümmer rissen, und der Turbo war wenig kultiviert zu fahren. Denn der BMW 2002 Turbo hatte, im Unterschied zum 99, kein Wastegate.
Saab kannte die Probleme der BMW Kleinserie, und sie wussten auch um die politische Aufregung, die der Turbo in Deutschland hervorgerufen hatte. Der spiegelverkehrte Turbo Schriftzug auf dem Frontspoiler, eine Idee von Bob Lutz (der viel später in der Historie von Saab eine unerfreuliche Rolle spielen würde), wurde als aggressiv gewertet. Er wurde zum Politikum, das sogar im Bundestag diskutiert wurde.
Es kann sein, dass man sich deshalb in vorsichtiger Zurückhaltung übte und den Turbo verschwieg. Am wahrscheinlichsten aber ist, dass aus Schweden noch keine Freigabe für die aktive Turbowerbung vorlag.
So blieb es bei verschämten 145 PS, die zu diesem Zeitpunkt nicht lieferbar waren. Der bisher stärkste und sportlichste Saab wird ausgeblendet. Vielleicht war es das, was man als – selbstbewusst statt selbstgefällig – bezeichnete.
Der Beitrag erschien im April 2023 erstmals auf dem SaabBlog Magazin (Link).
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