Stellen Sie sich Folgendes vor: Alfa Romeo bringt eine neue Oberklasse-Limousine auf den Markt und schon mit dem ersten Vergleichstest schlägt sie BMW. Was sich wie Fake News liest, geschieht in den 1970er Jahren wirklich. Alfa Romeo lanciert die Alfetta. Und sie fährt den ebenfalls neuen BMW 520 im ersten Vergleichstest in Grund und Boden.
Von Haus aus hat die sportliche Oberklasse aus Arese alles, was sie für den Erfolg benötigt. Wieder einmal ist es Giuseppe Busso, der das Technikpaket für die Alfetta zusammengestellt hat. Die DeDion Hinterachse mit hintenliegendem Getriebe kommt aus dem Rennsport. Busso hat sie in diversen Rennwagen ausgiebig erprobt und für gut befunden.
Also bekommt sie auch die neue Alfetta und damit eine perfekte Gewichtsverteilung und Straßenlage.

Die Alfa Romeo Alfetta ist die sportliche Extraklasse aus Arese
Motor nach vorn, Getriebe nach hinten. Diese Bauweise macht Alfa Romeo berühmt und die 50:50 Gewichtsverteilung zur Legende. Die Straßenlage der Alfetta Limousine ist ebenso exzellent wie die der Alfetta GT (Link), dem sportlichen Ableger. Alle Alfas dieser Jahre fahren wie auf Schienen, trotz Hinterradantrieb sind Schnee, Eis, Nässe kein Problem. Die präzise Gewichtsverteilung macht es möglich.
Die Alfetta ist der Nachfolger der 1750 und 2000 Berlina. Ihre Entwicklung hat sich durch das Alfasud Projekt (Link) verspätet. Dafür zündet 1972 die große Limousine aus dem modernen Arese Werk umso heftiger – zumindest für den Moment. Generell ist gegen die Alfetta nichts zu sagen. Die Technik ist hochkarätig, die Ausstattung ist markentypisch großzügig und die Preise sind angemessen.
Die Begeisterung der Medien ist groß, und im Hinblick auf Eleganz ist die hochmoderne Karosserie naturgemäß ganz vorn liegend. Es kommt aber so, wie es in diesen Jahren immer wieder bei Alfa Romeo passiert. Man macht eigentlich alles richtig, packt ein tolles Paket und schiebt auch in Bezug auf die Modellpflege schnell (1974) eine günstigere Einstiegsmotorisierung hinterher.
Doch das Schicksal meint es in diesen Tagen nicht gut mit der Marke. Die anfängliche Euphorie trübt sich rasch ein und die Oberklasse-Limousine aus Italien kann im Alltagsbetrieb nicht mehr glänzen. Dafür können weder Busso noch die anderen Väter der Alfetta etwas.

Alfa Romeo macht alles richtig und verliert dennoch
Wie fast überall in Italien legen auch hier wilde Streiks das Arese Werk für Wochen lahm. Roboter gibt es zu diesem Zeitpunkt nicht, der Karosseriebau ist auch im modernsten Werk des Landes reine Handarbeit. Entlang der Produktionsstraße, auf der die Alfetta auf Plattformen fährt, sind Schweißgeräte aufgehängt, mit deren Hilfe jeder Punkt mit Hand gesetzt werden muss. Die aufgeheizte Stimmung unter den Arbeitern macht sich durch die miserable Qualität der Karosserie bemerkbar, auch sonst stimmt die Verarbeitung nicht.
Dazu kommen Probleme mit minderwertigen Blechen, mit schlecht ausgeführten Lackierarbeiten, und im Resultat rostet die Alfetta ebenso dramatisch schnell wie alle anderen Alfa Romeos auch.
Was toll begann, endet mit einem ruinierten Ruf, der eine glänzende Karriere verhindert. Zwar geht die Geschichte bis zum Jahr 1984 weiter und es rollen 474.026 Alfetta aus dem Arese Werk und es wird sogar Turbo-Diesel Varianten geben. Doch gemessen an ihren Möglichkeiten bleibt die große Alfa Limousine weit hinter dem zu erwartenden Erfolg zurück.
Entdecke mehr von carstories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


Ein toller Klassiker von Alfa Romeo und etwas fürs Herz. Leider total vergessen, wie so vieles.