Mitte der 1980er Jahre präsentierte Alfa Romeo den 75. Die Neuerscheinung zum 75. Jubiläum des Mailänder Konzerns traf auf ein Umfeld, das alles andere als verheißungsvoll war. Ob Alfa den 80. Geburtstag noch erleben würde, stand in den Sternen geschrieben. Denn da waren Krisen und Fehlschläge, die nicht abreißen wollten.
Die ARNA Kooperation mit Nissan hatte sich als eklatanter Fehlgriff herausgestellt, was niemanden außer den Managern in den eigenen Reihen verwunderte. Die Finanzlage präsentierte sich kritisch, die Modellplanung war prekär und Produktion und Absatz waren 1985 eingebrochen. Statt über 200.000 Fahrzeuge verließen nur noch 157.625 die Werke, die deutschen Händler konnten statt 12.373 Neuwagen im Jahr 1984 nur noch 7.927 Fahrzeuge verkaufen.
Die Sanierungsprogramme griffen nicht, Verhandlungen mit BMW, GM und Fiat und Ford galten als letzter Rettungsanker. Für die Fans der Marke blieb immerhin der 75. Ein Keil aus Mailand, ein echter Alfa, den man kaufen konnte.

Die Doppelzündung ist die dritte Kraft für den Alfa Romeo 75
Dass der Alfa Romeo 75 der letzte Alfa vor der Übernahme durch Fiat sein würde, ahnte mancher. Klar war, die Marke würde entweder eine weitere Finanzspritze des italienischen Staates benötigen, um weiterzuleben. Oder alternativ eine Übernahme durch einen anderen Konzern. Wahlweise auch ein Wunder.
Alfa Romeo Designer Ermanno Cressoni hatte den 75 auf Basis der Giulietta gezeichnet, er musste dabei mit Einschränkungen zurechtkommen. Denn das Budget war knapp und Cressoni war daher gezwungen, die Fahrgastzelle des Vorgängermodells zu übernehmen. Das sparte Karosseriewerkzeug stellte den Gestalter aber vor große Herausforderungen, die er mit Bravour erledigte.
Der Cressoni Keil ist eine Großtat, entstanden unter widrigen Umständen. Er zeigt die Genialität eines Meisters, der Walter der Silva und Chris Bangle ausbildete.
Ein Alfa Romeo ist kein echter Alfa, wenn er sich keine technischen Besonderheiten leisten kann. Im Fall des 75 war es neben dem unveränderten Transaxle Prinzip die Doppelzündung, die Modelle wie den Alfa 75 2.0 I. E. auszeichnete und die auf die Bezeichnung Twin Spark hörte. Sie wurde für folgende Generationen von Alfas zum Synonym und begleitete die Marke bis zum Jahr 2009.

Die Mailänder sahen in der Doppelzündung 1987 den dritten Weg zur maximalen Leistung. Neben Mehrventiltechnik und Turbo-Technologie sollte die Kraft beider Zündkerzen einen Trend setzen. Doch während sich Turbomotoren vom Pionier Saab aus weiter in der Welt ausbreiteten, Mehrventiltechnik zum Standard wurde, blieb die Twin Spark Technik in der Alfa Romeo Nische hängen.
Jenseits von hochkarätigen Merkmalen, wie Motoren und Transaxle Technologie und dem spektakulären Cressoni Keil hinterließ der 75 einen zwiespältigen Eindruck, der bis heute anhält. Ihn zu fahren breitet große Freude, auch im Alter eines automobilen Klassikers.
Das Interieur und seine lieblose Materialauswahl und Verarbeitung hingegen wollen nicht so recht zur großen Marke aus Mailand passen. Man muss heute wie damals ein echtes Alfa Romeo Herz haben, um es toll zu finden und damit zu leben.
Technische Daten Alfa Romeo 2.0 I.E. Twin Spark (1987):
Reihenvierzylinder, 1962 cm³, 145 PS, 186 Nm bei 4.700 Umdrehungen/min
Bosch Motronic
Querlenker und Torsionsfedern vorn, DeDion und Schraubfedern hinten
Leergewicht 1.120 Kilogramm
Höchstgeschwindigkeit 197 km/h
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