Simca 1307/1308: Mittelklasse-Baureihe in Schrägheck-Ausführung à la VW Passat

Modellkonstanz gehörte schon immer zu den Prinzipien der Firma Simca. Daran hat sich auch nichts geändert, seit der amerikanische Konzern Chrysler den Betrieb und die Verantwortung übernahm. Denn abgesehen vom Typ Chrysler 160/180, der schon bald nach dem Führungswechsel präsentiert, aber wegen seiner amerikanischen Züge kein Erfolg wurde, blieb es vorerst bei den alten, unter Simca-Regie entstandenen Modellen 1000, 1100 und 1301/1501.

Nach rund neunjähriger Produktionszeit wurden jetzt die Mittelklasse-Limousinen 1301/1501 abgelöst. Und zwar von einem völlig neu konstruierten Auto, das weder in der Konzeption noch in der Technik Ähnlichkeit mit seinem Vorgänger aufweist.

Simca 1307/1308

Simca 1307/1308 Mittelklasse-Baureihe in Schrägheck-Ausführung à la VW Passat

Die Modelle der neuen Baureihe 1307/1308 besitzen alle Merkmale modernen Automobilbaus. Frontantrieb mit Quermotor, aufwendige Fahrwerkskonstruktion und Schrägheck-Karosserie mit guter Raumausnutzung.

Dass der amerikanische Einfluss beim jüngsten Modell in den Hintergrund gedrängt wurde, zeigt außer der technischen Konzeption auch die offizielle Bezeichnung. Die Neuen hören auf den Namen Simca, wenngleich das dem Betrachter nicht sofort klar wird. Denn der Chrysler-Schriftzug auf der Fronthaube ist in gleich großen Lettern gehalten wie die Simca-Bezeichnung auf der Heckklappe.

Simca 1307/1308

Der Simca sieht zweifellos europäisch aus – genauer gesagt, fast wie ein VW Passat. Ganz besonders in der Seitenansicht kann der Franzose wegen des nahezu identischen Profils und gleicher Fensteraufteilung starke Ähnlichkeit mit dem Wolfsburger Produkt nicht leugnen. Dass er insgesamt eine Idee größer und massiger wirkt, ist hauptsächlich auf seine klobigen Kunststoff-Stoßstangen sowie etwas größere Abmessungen zurückzuführen.

Simca 1307/1308, Ausstattung

Der als Mittelklasse-Auto konzipierte Viertürer genügt im Platzangebot durchaus den gestellten Ansprüchen. Auf den vorderen Sitzen geht es sehr geräumig zu, und auch im Fond steht ausreichende Kniefreiheit zur Verfügung. Schlechter bestellt ist es hier wegen der abfallenden Dachpartie um die Kopffreiheit. Zudem wird der Einstieg nach hinten durch das schräg abgeschnittene dritte Seitenfenster erschwert.

Simca 1307/1308, Messwerte

Nicht besonders üppig ausgefallen ist der glattflächige, dank weit öffnender Heckklappe gut zugängliche Kofferraum. Das mit einer Abdeckung versehene Abteil faßt nach Auto-Motor-und-Sport-Norm 312 Liter. Mithilfe der praktischen Rücksitzbank-Verstellung kann es aber leicht und rasch vergrößert werden. Nach dem Lösen der Arretierung wird die Rückbanklehne nach vorn geklappt, die Sitzfläche schiebt sich dabei automatisch mit nach vorn.

Simca 1307/1308: Günstiges Raumangebot

In diesem Zustand beträgt die Kapazität des Laderaums 688 Liter. Die Serienausstattung der übersichtlichen Karosserie lässt beim 1308 S nur zwei Wünsche offen. Zum einen fehlen Haltegriffe für die Mitfahrer, zum anderen müssen Kopfstützen extra bezahlt werden. Ein unverständlicher Zug der Aufpreispolitik, zählen doch Kopfstützen und Gurte zu den elementaren Sicherheitseinrichtungen.

Spärlicher mit Zutaten versehen ist das Grundmodell 1307 GLS, während die teuerste Variante, der 1308 GT, für diese Preisklasse eine sehr reichhaltige Ausstaffierung bietet.

Simca 1307/1308

Zu bemängeln gibt es bei ihm die ungünstige Platzierung der Bedienungstasten für die elektrischen Fensterheber auf der Mittelkonsole. Einen guten Eindruck hinterließen die Sitze: Sie sind großflächig, bequem und bieten guten Halt, nur lassen sich ihre Lehnen nicht stufenlos verstellen.

Zu den Pluspunkten gehören auch klar gezeichnete Instrumente. Bei den vier kleinen Anzeigegeräten Öldruckmesser, Benzinuhr, Wasserthermometer und Amperemeter beeinträchtigen allerdings die verwirrende Symbol-Kennzeichnung und eine wenig aussagefähige Skalierung eine rasche Information.

Simca 1307/1308

Unpraktisch, nämlich zu klein geraten, sind die Betätigungshebel für die diversen Luftklappen im Armaturenbrett. Zwar kann die Luftverteilung in gewünschter Weise reguliert werden, doch bleibt der Durchsatz der Belüftung relativ gering. Ähnliches gilt für die Heizung: Sie lässt sich gut dosieren, spricht aber nur langsam an und erwärmt den Fußraum selbst mit Gebläseunterstützung nur unzureichend.

In der Verarbeitung machten die aus den ersten Serien stammenden Testwagen noch keinen überzeugenden Eindruck. Kleinere Mängel wie Defekte an Schlössern, Undichtigkeiten an der Karosserie und eine abgerissene Auspuffanlage zeigten, dass es mit der Qualität beim Serienanlauf noch Schwierigkeiten gibt.

Simca 1307/1308

Simca 1307/1308: Lauter Motor

Angetrieben werden die neuen Simca-Modelle von Weiterentwicklungen des bekannten 1100er-Motors. Größerer Hub sowie überarbeiteter Block und Zylinderkopf zählen zu den wichtigsten Modifikationen der quer eingebauten Triebwerke, die mit kontaktlosen Zündanlagen ausgerüstet sind. Die im 1307 GLS verwendete 1,3‑Liter-Maschine mit 55 PS (40,5 kW) begnügt sich als einzige mit Normalbenzin. Die 1442‑cm³‑Motoren sind mit 9,5:1 wesentlich höher verdichtet und leisten 75 PS (55,2 kW) und 85 PS (62,6 kW).

Das stärkere GT-Triebwerk verdankt sein Leistungsplus einer geänderten Nockenwelle und größeren Ventilen.

Simca 1307/1308, technische Daten

Im Fahrbetrieb machten die neuen Maschinen einen recht lebendigen Eindruck, was in erster Linie auf ihre spontane Reaktion auf Gaspedalbewegungen und die gute Motorelastizität zurückzuführen ist. Zudem überzeugten sie mit guten Kaltlaufeigenschaften.

Dass die neuen Simca-Modelle in den Fahrleistungen mit den Klassenbesten nicht ganz mithalten können, resultiert aus ihrem hohen Leergewicht. Der 1308 S brachte 1060 kg auf die Waage. 170 kg mehr als der Leichtbau-Konkurrent VW Passat. Dennoch wartete der Fronttriebler mit ansprechenden Fahrleistungen auf.

Er beschleunigte in 14,6 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit von 154,5 km/h. In der Geräuschentwicklung muss den Stoßstangenmotoren Unkultiviertheit bescheinigt werden. Sie lassen nicht nur bei hohen Drehzahlen ein lautes Brummen hören, sondern entwickeln über den gesamten Bereich eine störende Geräuschkulisse.

Dass zudem die von den Triebwerken inszenierten Schwingungen nicht ausreichend absorbiert werden, zeigten Dröhngeräusche, die besonders im Leerlauf und bei etwa 4500/min – offenbar eine kritische Drehzahl – auftraten.

Günstig schnitt das 75‑PS-Triebwerk im Benzinkonsum ab. Im Durchschnitt liefen 11,4 Liter Superbenzin durch den Doppelvergaser. Damit verfügt der 1308 S (60‑Liter-Tank) über einen Aktionsradius von rund 500 Kilometern. Nur durchschnittliche Qualitäten hat die unexakte Schaltung des Fronttrieblers, und auch die Getriebeabstufung lässt ein wenig zu wünschen übrig.

Der Drehzahlsprung beim Wechsel von der dritten in die vierte Fahrstufe ist etwas zu groß. Das Fahrwerk des neuen Simca ist recht aufwendig gebaut. Er besitzt einzeln aufgehängte Räder und ist vorn mit Drehstab-, hinten mit Schraubenfedern ausgerüstet. Da er zudem über einen langen Radstand verfügt und über eine Tonne wiegt, bringt er günstige Voraussetzungen für guten Federungskomfort mit.

In dieser Disziplin hat er denn auch einiges zu bieten. Seine schluckfähige Federung absorbiert Fahrbahnunebenheiten überdurchschnittlich gut und sorgt für ansprechenden Abroll- und Langsamfahrkomfort.

Simca 1307/1308

Simca 1307/1308: Komfortables Fahrwerk

Schwächen zeigte sie lediglich beim schnellen Fahren. Hier gerät die Hinterachse auf kleinen Querfugen leicht ins Stuckern, bei größeren Bodenwellen verursacht sie deutliche Vertikalbewegungen des Aufbaus.

Das Fahrverhalten des Franzosen ist frontantriebstypisch. Er untersteuert stark, zeigt bei rascher Kurvenfahrt kaum Lastwechselreaktionen, läuft gut geradeaus und zählt dank hoher Vorderachsbelastung (58 Prozent) zu den wintertüchtigen Autos. Als sehr standfest erwies sich auch die gemischte, mit einem Bremskraftverstärker ausgerüstete Bremsanlage.

Ein lastabhängiger Bremskraftregler verhindert Überbremsen der Hinterräder. Wenig Anklang fand die Lenkung (Lenk-Rollradius null), die einerseits zu indirekt arbeitet und andererseits bei forcierter Kurvenfahrt und beim Rangieren relativ hohen Kraftaufwand erfordert. Hierdurch wird die Handlichkeit des im Fahrbetrieb ohnehin etwas schwerfällig wirkenden Franzosen nachteilig beeinflusst.

Dazu trägt auch der große Wendekreis bei. Unebenheiten und Antriebseinflüsse sind zwar in der Lenkung spürbar, stören aber kaum. Unter dem Strich wird der neue Simca den in der Mittelklasse gestellten Ansprüchen gerecht.

Und zwar auch dann, wenn es um Preiswürdigkeit geht: Der 1308 S kostet 12 360 Mark und ist damit rund 500 Mark teurer als der nicht ganz so gut ausgestattete viertürige VW Passat LS. Ob der Doppelgänger die erhofften Verkaufserfolge einspielen wird, bleibt abzuwarten – die Voraussetzungen dazu bringt er jedenfalls mit.


Quelle: Auto Motor Sport, 1976. Autor: Werner Schruf.


Entdecke mehr von carstories

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Das könnte auch gefallen:

5 1 vote
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest

0 Comments
Oldest
Newest Most Voted
0
Was denkst Du? Hinterlasse einen Kommentar!x