Euer Merkwürden: der Matra 530 XL im Test

Es gibt Menschen, die bewusst Hässlichkeit zur Schau tragen und sogar damit zu kokettieren verstehen, und es gibt auch solche Autos. Den Matra 530 zum Beispiel. Seine Form, vorn schnittig wie ein Rennsportwagen und hinten wie mit der Axt gehauen, steckt voller Merkwürdigkeiten und wird allgemein als hässlich empfunden.

Aber niemand wird behaupten, sie sei langweilig.

Langweilig ist das ganze Auto nicht, denn unter seiner skurrilen Form verbirgt sich das interessante Sportwagenkonzept eines der fortschrittlichsten französischen Autohersteller.

Der Matra 530 XL (1970)
Der Matra 530 XL (1970)

Euer Merkwürden: der Matra 530 XL im Test

Eigentlich ist die Firma Matra auf dem Gebiet der Satelliten und flugtechnischen Steueranlagen zu Hause, wo sie Weltgeltung besitzt. Auf dem Autosektor gab Matra Sports erst vor wenigen Jahren seinen Einstand mit dem Mittelmotor-Coupé Djet V, mit dem der Matra  530 ideell eng verwandt ist. Inzwischen ist der Marke durch ihre blauen Formel 1-Rennwagen weltweite Popularität erwachsen.

Doch ein geschäftlicher Erfolg der Autoproduktion hat sich bislang nicht eingestellt. Ihn hofft die Firma durch einen in diesem Jahr geschlossenen Kooperationsvertrag mit Chrysler/Simca zu erreichen, der dem Matra 530 einen Absatz über das Simca-Vertriebsnetz erschließt.

Über die Simca-Händler kommt das eigenwillige Auto im September auch nach Deutschland, um einige Sportwagen-Individualisten zu verführen.

Karosserie: bequem und originell

Die Matra-Konstrukteure gehörten zu den ersten, die die Mittelmotorbauweise im Straßensportwagen anwandten. Nachdem ihr Erstlingswerk, der Djet, noch recht eng ausgefallen war, schufen sie mit dem 530 das bisher wohlgeräumigste Mittelmotorcoupé. Auf dem langen Radstand von 2560 mm (das ist mehr als beim BMW 1800/2000) gelang es ihnen, die bequemen Vordersitze, hintere Notsitze und den Motor zwischen den Achsen unterzubringen.

Nach hinten schließt sich noch ein kurzes Gepäckabteil an, während unter der flachen Vorderhaube Wasserkühler, Kraftstofftank und Ersatzrad Platz finden.

Wichtiger Baustein dieser Konzeption ist der deutsche Ford V4-Motor, dessen kurze Bauart hier einmal rigoros ausgenutzt wurde. Als Chassis dient ein Plattformrahmen aus Stahlblech, auf den die Kunststoffkarosserie aufgeschraubt ist.

Die zunächst nicht sehr anziehende Karosserie gewinnt, sobald man sich in ihr Inneres begibt. Äußerst bequeme, gut modellierte Sportsitze, viel Bein- und Ellenbogenfreiheit sowie allerbeste Aussicht durch tiefe Gürtellinie und hohe Fenster sorgen für außerordentliches Wohlbefinden.

Hinsichtlich Raum und Sicht ist vom Mittelmotor überhaupt nichts zu bemerken. Vielmehr kann man sein Einkaufsgepäck wie gewohnt auf den Rücksitzen ablegen und durch eine große Heckscheibe nach hinten blicken.

Freilich gibt es auch im Wageninnern allerlei Merkwürdigkeiten zu verzeichnen. So hat das dicke Lederlenkrad eine ausgeprägte Eiform, der Schalthebel einen Pistolengriff und die Pedalerie ein zusätzliches Lampenpedal.

VORZÜGE

• Geräumige und originelle Karosserie
• Guter Fahrkomfort
• Sparsamer Motor

NACHTEILE

• Schlechte Verarbeitung
• Mäßige Fahrleistungen
• Stoßempfindliche Lenkung

Optisch ist der Matra gewiss keine Schönheit
Optisch ist der Matra gewiss keine Schönheit

Damit holt man die Scheinwerfer wieder herein, nachdem man sie zuvor mit einem Fingerhebel an der Lenksäule ausgefahren hat. Das Dach ist in Längsrichtung zweigeteilt. Die Hälften können einzeln abgenommen und in Futteralen unter der Vorderhaube verstaut werden. Wie in den Landaulets vergangener Zeit kann man im Matra noch seinen Chauffeur im Regen sitzen lassen und sich selbst unter seine Dachhälfte zurückziehen.

Bei schönem Wetter empfiehlt sich für den Solofahrer das alleinige Öffnen der Fahrerhälfte, was zugarmes Fahren auch bei höheren Geschwindigkeiten garantiert. Wenn der Matra-Fahrer an Tank- oder sonstigen Haltestellen seine Verdeckhälften verstaut oder nach dem Öl sehen lässt, nähern sich ihm häufig umstehende Menschen mit allerlei neugierigen Fragen wie etwa: „Toller Wagen, wie lange haben Sie daran gebaut?“

Allerdings geht das Abnehmen und Aufsetzen der Dachteile erfreulich schnell vor sich, und man braucht dazu nicht einmal auszusteigen, wenn man sie auf den Rücksitz legt. Übrigens muss man im Fond mehr eine zusätzliche Gepäckablage denn eine Sitzgelegenheit sehen, da dort nur Kinder einigermaßen vernünftig sitzen können.

Ein Ereignis für Umstehende ist jedes Mal das Freilegen der Maschine. Dazu wird zunächst die große Heckscheibe steil gen Himmel gestellt, bevor man den wie einen Überseekoffer aussehenden Motordeckel abheben kann. Danach ist der Ford-V4 für die nötigsten Wartungsarbeiten besser zugänglich, als man vermuten dürfte. Den größten Publikumserfolg jedoch verbuchte der Matra, als er beim Tanken einmal eine mittlere Feuersbrunst auslöste.

Nach dem Löschprozess ließ sich rekonstruieren, dass der Tankwart mit seiner Einfüllpistole ein unmittelbar neben dem Tankstutzen montiertes Relais berührt und einen Funken ausgelöst hatte.

Solange das Werk dieses Relais nicht verlegt, sollte man den Matra stets schräg von vorn betanken.

Verarbeitung: problematisch

Trotz mancher Kuriosa erweist sich die Ausstattung des Matra 530 als durchaus zweckmäßig. Alle wichtigen Hebel liegen logisch und praktisch zur Hand, wenn man davon absieht, dass man französisch, nämlich mit dem Lichthebel, hupen muss. Stufenlos verstellbare Rückenlehnen gehören zur Serienausstattung, und das Instrumentarium ist mit Drehzahlmesser, Tacho, Tankuhr, Ölmanometer, Amperemeter und Zeituhr reich bestückt.

Die Scheibenwaschanlage spritzt aus dünnen Röhrchen direkt vom Wischerarm aus und besaß beim Testwagen die Unart, sich bei hoher Seitenbeschleunigung (Kurvenfahrt) selbsttätig zu entleeren. Bei Nacht verstrahlt der Matra helles Halogenlicht. Nicht ganz glücklich ist allerdings das Lampenpedal placiert, dessen hohe Lage ein gelenkiges Bein erfordert.

Beim Kupplungspedal wiederum ist es erforderlich, das Pedal genau in der Mitte zu treffen, sonst streift der Schuh links am Radkasten oder rechts an der Lenksäule. Solche Kleinigkeiten beeinträchtigen die durchaus angenehme und komfortable Matra-Fahrt indes wenig. Was dem deutschen Autofreund unangenehmer auffallen wird, ist die Verarbeitungsqualität der Karosserie.

Überdeutlich verrät sich im Detail die Kleinserie, die eine perfektionierte Fertigung und gleichmäßige Qualität nicht kennt. In manchen Teilen, wie den vernehmlich knackenden Sitzen, dem wackeligen Handschuhkastendeckel oder der beängstigend flexiblen Vorderhaube, wirkt der Matra wie ein Bastelauto.

Eine Karosseriebauerregel besagt, dass dort viel klappert, wo sich viel bewegt – und beim Matra bewegt sich einiges: Türen, Hauben, Dachdeckel und Rückfenster entwickeln auf schlechten Straßen eine unschöne Geräuschkulisse.

In einer automatischen Waschanlage setzte im Wageninnern gar stärkerer Regen ein. In dieser unzureichenden Verarbeitungsqualität liegt die größte Schwäche des M 530.

Matra 530 XL

Motor: behäbig, aber sparsam

Die Wahl des Motors deutet an, dass die Franzosen keinen heißen Renner bauen wollten. Der 1,7‑Liter-Ford-Motor ist ein braves, zuverlässiges und wirtschaftliches Triebwerk, aber er hat kein Feuer. Viel lieber trottet er mit 4000 Umdrehungen, als mit 6000 zu galoppieren. Seine Elastizität ist gut, aber seine Leistung im oberen Drehzahlbereich mäßig.

Er ist wahrhaftig alles andere als ein Sportmotor. In dem strömungsgünstigen und leichten Sportcoupé rafft er sich dennoch zu wesentlich besseren Fahrleistungen auf, als er sie im Ford 17 M bieten kann. 35,7 s für den stehenden Kilometer und über 170 km/h Höchstgeschwindigkeit sind wohl wenig für den temperamentvollen Sportwagenfreund, aber absolut gesehen gar nicht so schlecht.

Unterwegs mit dem Matra bekommt man zwar keine nassen Hände, doch hat man auch nicht das Gefühl, ein lahmes Auto zu fahren. Etwas störend wirkt im Stadtbetrieb der unnötig lang übersetzte 1. Gang, der ganz schnelle Starts kaum zulässt. Der Schalthebel fühlt sich etwas wackelig an, doch funktioniert die Schaltung leicht und zuverlässig.

Im Gang werden immerhin 140 km/h erreicht, was sich bei Überholvorgängen günstig auswirkt. Das große Problem der Mittelmotorwagen, das Motorgeräusch, haben die Franzosen recht gut gelöst. Obwohl der „Motorkoffer“ innerhalb der Heckscheibe steht, hält sich der Geräuschpegel in Grenzen. Die Maschine brummt stets vernehmlich, aber störend wird das Geräusch lediglich bei voll geöffneter Drosselklappe im oberen Drehzahlbereich, wobei das Ansauggeräusch die dominierende Rolle spielt.

Der Matra ist sicherlich kein Auto für geräuschempfindliche Menschen, aber der luftgekühlte Motor des VW‑Porsche 914 beispielsweise ist in jedem Bereich lauter. Zu achten ist im Matra allerdings auf guten Sitz des Motordeckels, denn jede Undichtigkeit steigert das Innengeräusch erheblich.

Erhebend ist das Motorgeräusch übrigens nicht, da der Matra einen Doppelauspuff besitzt, der aus jedem Topf nur zwei Zylinder brubbeln lässt. Von seiner französischsten Seite zeigt sich der Matra 530 XL in Sachen Benzinverbrauch. auto motor und sport kann sich nicht erinnern, jemals ein derart sparsames 170‑km/h-Auto getestet zu haben.

Obwohl aufgrund seiner beschränkten Motorleistung meist voll gefahren, erreichte der Matra einen Testverbrauch von 10,7 Litern/100 km. Auf längeren Strecken lassen sich selbst bei zügigem Tempo Werte unter 10 Litern/100 km erzielen, was im Verhältnis zu den Fahrleistungen einigermaßen sensationell ist. Der geringe Verbrauch lässt nicht zuletzt auf gute aerodynamische Qualitäten der Karosserie schließen.

Fahrwerk: weiche Welle

Der Mittelmotor gilt allgemein als das Kennzeichen von Sportwagen, die es wissen wollen, aber das will der Matra ganz gewiss nicht. Er fährt sich mehr wie ein komfortabler Reisewagen. Seine Federwege sind von beträchtlicher Länge, was zur Folge hat, dass er schnelle Kurven mit der Seitenneigung eines Renault 16 nimmt.

Entsprechend gut sind die Federungsqualitäten: Das Ansprechvermögen der Federung auf kleine Unebenheiten sowie ihr Schluckvermögen bei größeren Wellen würden einem Mittelklassewagen zur Ehre gereichen. Der lange Radstand und die langhubige, gut abgestimmte Federung führen zu diesem erfreulichen Ergebnis.

Der Komfort ist es, der den Fahreindruck im Matra in besonderem Maße prägt – und die unglaublich direkte Lenkung: Schon auf kleinste Bewegungen des eiförmigen Lenkrades reagiert der Wagen derart, dass man beinahe das Gefühl hat, ihn mit einer Lenkstange zu führen. Ganze 23/4 Umdrehungen sind nötig von Anschlag zu Anschlag.

Nach kurzer Gewöhnung macht einem diese Eigenart jedoch wenig aus, und bei schnellerer Gangart hat man sogar Spaß an dem schnellen Lenkgefühl.

Testurteil Matra 530 XL

Dabei wirkt sich freilich aus, dass der Wagen fahrsicher ist. Eine nahezu ausgeglichene Achslastverteilung sowie das modern konzipierte Fahrwerk mit Einzelradaufhängung sichern ihm gute Fahrstabilität und eine perfekte Bodenhaftung auch auf schlechten Straßen. Etwas irritiert wird der Fahrer allerdings dadurch, dass es beim Einlenken in eine schnell zu fahrende Kurve zunächst eine kurze Übersteuerungsphase gibt, die einen glauben lässt, ein Heckmotorauto in der Hand zu haben.

Erst danach stabilisiert sich das Auto und nimmt den Radius mit leicht heraushängendem Heck und gehöriger Seitenneigung, jedoch ohne Drehgefahr. Dass der Matra vorn und hinten auf verschieden großen Reifen fährt, gehört zu seinen zahllosen Eigenheiten.

Über vier Scheibenbremsen lässt sich der Wagen stets sicher abbremsen, wobei Fading nie zu beobachten war. Manels Servounterstützung erfordert die Bremse jedoch einen viel zu hohen Pedaldruck. Das Gleiche gilt für die Kupplung, während die Lenkung trotz der direkten Übersetzung nicht zu schwer geht. Auf holprigen Straßen zeigt die Kunststoffkarosserie jedoch deutliche Verwindungserscheinungen.

Der Matra ist ein Auto mit technischem Witz und ausgezeichneten Anlagen, das in der Ausführung leider viele Wünsche offenlässt. Sympathisch machen ihn die geglückte Verbindung von Komfort und Fahrsicherheit sowie die originelle Karosserie. Der robuste Ford-Motor ist gut für Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit, vermag aber sportliche Ansprüche nicht zu befriedigen. Ohnehin darf man den Matra nicht so sehr als ernsthaften Sportwagen sehen, denn als individuellen Zweisitzer mit sportlicher Note.

Natürlich sind die Fertigungsmängel auch Simca nicht verborgen geblieben. Es ist anzunehmen, dass das Unternehmen seine Fertigungstechniker auf das Adoptivkind ansetzen wird. Auch erscheint auf lange Sicht der Einbau eines Simca-Motors (Chrysler 160/180) nicht ausgeschlossen.

Es wird darauf ankommen, wie weit sich Simca mit diesem Auto zu identifizieren bereit ist, das zweifellos viele sympathische Züge besitzt. In der heutigen Form ist der Matra 530 ein Objekt für einigermaßen tolerante Sportwagen-Individualisten.

Quelle: Auto Motor Sport, Heft 20/1970


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Södertälje
Södertälje
3 Tage zuvor

Noch ein kleiner Sportwagen mit einem Ford V4. Warum muss ich da an die Saab Sonett denken?

H81
H81
17 Stunden zuvor

Was ein exotisches Teil! So einen habe ich noch nie gesehen. Aber ehrlich: schön ist er nicht.

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